|
Die
Geschichte des Tango Argentino ist Mehr als die Geschichte
Argentiniens.
Der Tango entstand zwischen 1850 und 1880 im Süden von
Buenos Aires, im Hafenviertel La Boca. Ein
fröhlicher Tanz, aus schwarzen, kreolischen und spanischen Elementen
zusammengemischt. Die geselligen Anlässe, an denen man diese Musik
tanzte, wurden "Milongas" genannt, was in etwa dem Wort
"Wirrwarr"
gleichkommt und somit
für sich spricht. Heute gilt die lebensfrohe Milonga als Vorläuferin
des eigentlichen Tango Argentino. Gegen Ende des letzten und anfangs dieses
Jahrhunderts sah sich Buenos Aires von Einwanderungsströmen geradezu
überschwemmt, die Stadt schien aus allen Nähten zu platzen.
Vor allem Italiener hofften, ihr Glück im reichen America zu finden.
Um die Jahrhundertwende gab es in Buenos Aires mehr italienische Einwanderer
als Argentinier. Die Enttäuschung war vorprogrammiert. Argentinien
und Buenos Aires waren mit diesen Massen überfordert und lehnten
die Immigranten bald ab. Zuwenig Arbeit, zuwenig Ansehen, zuwenig Frauen,
den mittellosen Einwanderern blieb der Ausweg in die Kriminalität,
das Vergessen in Spielhöllen, Bordellen und ... in der Musik. Die
Vororte, die Barrios, von Buenos Aires entwickelten sich dementsprechend
und wurden zur Wiege des Tango, der einst zum Symbol von ganz Argentinien
werden sollte.
Ein
trauriger Gedanke, den man tanzen kann Dieser Ausspruch stammt von
Enrique
Santos
Discépolo,
einer der ganz Grossen des Tango. Von all den Hoffnungen war den Immigranten
nur das geblieben: Ein leicht anrüchig wirkender, eleganter Tanz,
in dem die Machos auf Tuchfühlung mit den wenigen Frauen gehen konnten,
sich stark, furchtlos, traurig und einsam auf dem Parkett ausdrücken
konnten. Nun klang der Tango nicht mehr so fröhlich wie in den ersten
Tagen, die Melancholie und die Wehmut ließen sich nicht einfach wegstecken.
Das Bandoneon, die Seele des Tango Matrosen brachten gegen Ende des vorigen
Jahrhunderts das Instrument nach Buenos Aires, welches heute im Tango
nicht mehr wegzudenken ist - das Bandoneon, die Seele des Tango. 1840
wurde es vom deutschen Musiklehrer Heinrich Band aus der einfacheren deutschen
Konzertina weiterentwickelt: 144 Töne, die aber erst in Argentinien
ihren Ausdruck, ihre wahre
Enrique
Santos
Discépolo Berufung fanden. Bis anhin waren Geige, Flöte
und Gitarre die Instrumente gewesen, auf denen die ersten Milongas und
Tangos von herumziehenden Musikgruppen improvisiert wurden, denn die Kunst
des Notenlesens war nicht sehr verbreitet. Als die Trios oder Quartettos
begannen, sich in den einschlägigen Lokalen zu etablieren, fand das
Klavier auf Kosten von Flöte und Gitarre Eingang in das Instrumentarium
des Tango. Dazu kam der Kontrabass, und ab 1920 bis zum heutigen Tag besteht
ein orquesta tipica aus zwei Bandoneons, zwei Violinen, dem Piano und
dem Bass. Eine Legende wird zum nationalen Hoffnungsträger Die argentinische
Elite wollte nichts mit dem Tanz und der Musik aus ihren Armenvierteln
zu tun haben, man schämte sich für diesen Auswuchs aus den Bordellen
und Gossen der Stadt. Das änderte sich jedoch, als der Tango seinen
ersten
Boom
erlebte ... ausgerechnet im fernen Paris, das man doch so bewunderte am
Rio de la Plata! Ob es nun die Mädchenhändler oder die Künstler
gewesen waren, welche den Tango zuerst nach Paris gebracht hatten, Tatsache
ist, dass er in der feinen, auf Zerstreuung ausgerichteten Pariser Gesellschaft
schnell Gefallen fand. Bereits 1910 wurde argentinischer Tango in ganz
Paris getanzt und auch gelehrt. Ob dieser Entwicklung wagten es nun immer
mehr angesehene Bürger des Mittelstands von Buenos Aires, sich zum
Tango zu bekennen, dem sie ja im Versteckten ohnehin schon lange gefrönt
hatten.
Carlos
Gardel, der mittellose Junge aus dem Großmarkt-viertel
von Buenos Aires, wird zum Idol von ganz Argentinien. Er verkörpert
das Märchen, von dem alle die Einwanderer geträumt haben. Er
wird ein weltweit gefeierter Star, der sich aus dem Nichts zu Glanz und
Gloria erhoben hat und den Tango über Schallplatten, Filme und Auftritte
der ganzen Welt als argentinisches Kulturgut überbracht hat. Obwohl
Carlos Gardel 1935 im Alter von 45 Jahren bei einem Flugzeugabsturz starb,
lebt er in den Herzen der Porteños weiter. Täglich wird sein
Grab in Buenos Aires von Fans besucht und mit Blumen geschmückt.
Der avantgardistische Tango Nach dem Zeiten Weltkrieg entwickelte sich
aus dem Tangoals Unterhaltungs- und Tanzmusik zusehends eine musikalisch
ausgebildetere Musik zum Zuhören, welche sich in ihrem W esen
jedoch immer weiter von ihren volkstümlichen Wurzeln in Buenos Aires
entfernte und moderne Elemente Miteinfließen ließ. Daran fanden
nun aber die alten Tango-Liebhaber am Rio de la Plata gar keine Freude.
Sie sahen ihren Tango verfremden. So wundert es denn nicht, dass
Astor
Piazzolla seine großen Erfolge noch heute auf der
ganzen Welt feiern darf, nicht aber in seiner Heimatstadt Buenos Aires.
Eigenwillig mischt er Milonga, Barpiano-Musik und Jazz zu bombastischer
Konzertmusik. Tatsächlich kein Tango mehr, jedoch ein Spiegelbild
des Buenos Aires und des porteño von heute. Während der Tango
heute in Buenos Aires nur noch von wenigen Jungen gepflegt wird, erlebt
er in Europa einen eigentlichen Aufschwung. Zürich wird als eines
der avantgardistischsten Tango-Zentren Europas angesehen, Deutschland
hingegen als das wahrscheinlich am stärksten vom Tango-Virus befallene
Land. Überall werden Tango-Kurse angeboten, internationale Freundschaftsbande
verbinden die Szenen in Paris, Berlin und Zürich, Einladungen zu
Bällen und Shows werden hin- und hergeschickt - man erlebt ein großartiges
Zusammengehörigkeitsgefühl.
|